Kreative Ruinen

Bevor das Jahr nun zu Ende geht, ist ein sehr guter Zeitpunkt, sich noch einmal an interessante Orte zu erinnern, denn in den faszinierenden Ruinen überall auf der Welt steht die Zeit nur scheinbar still und doch tut sich da ja wirklich so einiges, wo normalerweise nur die vergessene Leere regieren sollte. 

Beschauliche Ecke des Stasi-Wellness-Hotels in Templin

Im Hangar des aufgegebenen Flughafens von Rangsdorf

Urban Art Hall in Berlin-Spandau (bereits abgerissen)

Die Orte hier sind vielleicht nicht so leicht zugänglich als verbotene Zonen, irgendwo findet sich aber meist ein Durchschlupf in den Absperrungen und Umzäunungen rundherum. 

Treppenaufgang des S-Bahnhofs Siemensstadt in Berlin (Wiederinbetriebnahme  geplant)

Neues Team im ehemaligen Filmstudio nähe Eiswerder in Berlin-Spandau

Im Labyrinth des VEB Kühlomat in Berlin-Treptow

In diesem auch teilweise gefährlichen Niemandsland trifft man nur selten andere Leute, trotzdem sind an allen diesen ungewöhnlichen Orten neben der inspirierenden Leere immer auch  vielfältige bunte und verrückte Schöpfungen aufzustöbern – ein Besuch also in der Tat alle Mühen wert.

Maurische Symbole am Herrenhaus Gentzrode bei Neuruppin

Fassadendetail der früheren Nervenheilanstalt in Alt-Strelitz

Der Dschungel des Güterbahnhofs Charlottenburg in Berlin

Das Geisterhaus von Templin

Willkommen im geplanten Wellness-Hotel der DDR-Staatssicherheit von Templin, hier hätte es die Stasi wirklich sehr gemütlich gehabt. Der riesige Komplex wurde aber nur nie fertiggestellt, denn die Rebellion und der politische  Umsturz von 1989 verhinderten dies erfolgreich. 

Der Rohbau liegt gut getarnt in einem Waldstück unweit eines schönen Sees, beim ersten Mal sind wir am Zugang glatt vorbei gefahren. Aber der Ort ist heute selbst wirklich kein Geheimnis mehr, auch Google Maps hat ihn verzeichnet und führte uns schließlich sicher hin.

Es gibt neben viel Geschmiere auch schöne Graffitti und ein paar sehenswerte Wandbilder wie das von Che Guevara. 

Einige Bereiche wirken düster und gespenstisch, wobei im Gebäude selbst keine echten Gefahren drohen. Draußen sieht das schon  anders aus, neben schon recht wackligen Holzkonstrukten sind es vor allen Dingen viele offene Schächte im Freien,  weil irgendwer die Gullydeckel entfernt hat.  Es ist daher nicht sehr empfehlenswert, im Dunkeln rund um die ganze Hotelruine zu gehen.

Abgesehen davon ist es ein ganz solider Betonbau, der bestimmt noch 150 Jahre oder mehr so im Wald überstehen  wird.

Wir waren nur im Erdgeschoss unterwegs, die unfertigen Treppen, teilweise nur als Verschalung im Urzustand vorhanden, haben wir dann doch lieber erst gar  nicht ausprobiert.

Der unfertige Rohbau im absoluten Dornröschenschlaf war faszinierend und erstaunlicherweise auch verhältnismässig aufgeräumt, so als wären die Bauarbeiten nur kurz unterbrochen an manchen Stellen.

Da die Dämmerung langsam näher kam, verließen wir den einsamen Platz, da die Dunkelheit die Innenräume  wieder schleichend in Besitz nahm. Und wer weiß schon so genau, ob nicht der Geist von Che Guevara dort in der Nacht sein Unwesen treibt, sein Wandbild zumindest wirkte auf absonderliche Art unheimlich lebendig.

 

 

Aus der Zeit gefallen

In der Nähe von Perleberg  befindet sich eines der größten und noch sehr gut erhaltenen Hügelgräber aus der Bronzezeit in Deutschland, das kaum bekannte Königsgrab von Seddin (erbaut ca. 800 v. Chr.). Wahrhaft beeindruckend ist auf jeden Fall seine Höhe von 10 m und ein Durchmesser von 68 m. In eisigen Winternächten hört man dort auch heute noch in den Bäumen manchmal fremdartige Geräusche und bizarre Stimmen des Waldes, wenn der stürmische Wind die Baumkronen gnadenlos beugt und wiegt.

Der Geistreiter kurz vor dem Grabeingang

Die Prophezeiung war so klar gewesen, daß diejenigen, die es einmal wagten, Prinzessin Gambaras Grab zu öffnen und zu betreten, für immer von den grausamen Vandalenwächtern gejagt würden und daß kein Ort für sie sicher wäre – wo auch immer auf der Erde und selbst nicht am Ende der uns bekannten Welten. Eine metallische Dame wird schliesslich auf sie warten, um solche Diebe und Einbrecher in die Kasematten ihres erschreckenden Schlosses zu werfen, das nur durch kalten, funkelnden Stahl getragen wird.

In mehr als 1.500 Jahren passierte rein gar nichts, und der alte Grabhügel war letztlich dicht mit grünen Büschen und Bäumen bedeckt und gut versteckt. Viele Mythen wurden von lokalen Märchenerzählern verbreitet, weil die Bauern und Holzfäller von Zeit zu Zeit einen mysteriösen Reiter beobachteten, der plötzlich aus Nebelschwaden auftauchte und immer wieder in den undurchdringlichen riesigen Wäldern verschwand. Und in einigen dunklen Vollmondnächten konnte man auch das warnende Flüstern von Prinzessin Gambara in der Nähe ihres versteckten Grabes in den Baumwipfeln hören, das dann unsichtbar erschüttert und von einem frostigen und stürmischen Atemzug in die Höhe gebogen wurde.

Die Grabräuber im Nebel der Vorzeit

Im späten 19. Jahrhundert wurde die Neugier von Historikern und Archäologen geweckt, weil einer von ihnen in den Ruinen eines alten Hauses ein gut erhaltenes mittelalterliches Pergament gefunden hatte, das die Geschichte von Prinzessin Gambara und ihrem berühmten Begräbnis irgendwo in der Nähe beschreibt. Es erwähnt all die prächtigen Gegenstände, Edelsteine ​​und Gold, die den Sarg auf ihrer allerletzten Reise begleiteten. Das Dokument berichtete auch über den kaiserlichen Fluch und über die Prophezeiung für diejenigen, die das Grab verletzten, aber niemand kümmerte sich darum oder war nur damit beschäftigt, die in der kalten Erde verborgenen Schätze möglichst schnell zu bergen

Nach mehreren Monaten intensiver Erkundung entdeckten und öffneten diese gierigen Abenteurer schließlich den lange unberührten Grabhügel in einem Fieber der enthemmten Aufregung. Aber sofort umgab sie eine plötzliche Dunkelheit, während ein wütender Nebel aus dem zerborstenen Boden hervorschoss. Vollkommen gelähmt hiervon konnten sie nicht entkommen, und so erhob sie sich aus dem Grab, das sofort in ein blendendes und blutiges Licht getaucht war: eine metallische Dame mit Bronzewaffen, nun bereit für ihre imperiale Rache.

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verlinkt mit:

https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2020/10/05/frau-flumsel-und-myriade-praesentieren/

 

 

Schneller Wohnen im Hotel Honka

 

Im Frühjahr 1978 zog es mich ins verrückte West-Berlin, einer lebendigen und inspirierenden Stadtinsel, die von einer dummen Mauer umgeben war. Diese wurde 1961 von den Ost-Berliner Behörden errichtet, um den unstillbaren Wunsch nach grenzenlosem Wandel zu bremsen. In West-Berlin war das Leben so anders als im östlichen Teil, der ein anderer Planet zu sein schien, weit entfernt und hinter einer unterkühlten Betonmauer mit Wachtürmen versteckt auch so gar nicht erreichbar. Und West-Berlin war ein wahrer Schmelztiegel der verschiedensten Subkulturen und Menschen von überall her, die nach einem anderen Leben suchten. Aber die eingemauerte Stadt hing immer am Subventionstropf der Bundesregierung in Bonn und war auch mehr als 30 Jahre nach Kriegsende noch von den Alliierten des Zweiten Weltkriegs besetzt – ein absurder Status Quo.

Wandfries am Haus des Lehrers in Ost-Berlin, Walter Womacka, 1964

Eine normale Stadtentwicklung war unter diesen herausfordernden Bedingungen ziemlich schwierig, es gab immer noch Ruinen aus dem Zweiten Weltkrieg in der weiten und heterogenen Stadtlandschaft, und noch schlimmer, viele der typischen Häuser aus dem späten 19. Jahrhundert waren auch aufgrund von Misswirtschaft ungenutzt und leerstehend  oder wurden als sehr erwünschte spekulative Objekte von skrupellosen Investoren missbraucht. Vor diesem Hintergrund bildete sich Anfang der 1980er Jahre eine breite Hausbesetzer-Bewegung in West-Berlin mit dem Ziel, derartige Häuser wieder instandzusetzen und zu gebrauchen.

Marilyn Green, Rainer Warzecha and Christoph Böhm
“Modell Deutschland”, Wandbild in Berlin-Kreuzberg, 1981

Dieses riesige Wandbild an einer Hausfassade beschreibt ziemlich gut den aufständischen Geist jener Tage, als es in der Innenstadt mehr als 130 besetzte große Wohnhäuser gab. Es war eine aussergewöhnliche und auch sehr ausgeflippte Zeit in Berlins Geschichte, die so auch viele neue Handlungsoptionen und Freiheiten ermöglichte, die vorher völlig unbekannt oder schlicht undenkbar waren.

Music video by “Siouxsie And The Banshees” performing “Spellbound”
© 1981 Polydor Ltd. (UK”)

Ein wahrhafter Kick war für mich der ganze phantastische Müll und die diversen Hinterlassenschaften früherer Bewohner, welche im ganzen Areal des legendären ‘Hotel Honka’ zu finden waren, einem von mir 1981 mit besetzten leerstehenden Haus in der Kreuzberger Böckhstr.

Das verruchte Hinterhaus des Hotel Honka, Foto: Christiane Richter

Detail der Fassade des Hotel Honka, Foto: Christiane Richter

Das war eine sehr faszinierende, aber nicht unbedingt immer gerade romantische Zeit dort bis zur Räumung im Jahr 1982. Vielleicht ziehen mich deshalb Ruinen bis heute so magisch und unwiderstehlich an?!

Blick vom Hotel Honka auf die gegenüber liegende Strassenseite
mit einem weiteren noch besetzten Haus, Foto: Ralph Schmid

Der Wunsch nach Freiheit kann nicht kontrolliert oder zerstört werden, er wird immer überleben und weiter blühen  zumindest in unserem Geiste, von wo aus neue Brücken gebaut werden selbst durch sehr dicke Mauern oder direkt aus düsteren Verliesen wo auch immer.

Die Zeit steht scheinbar einen Moment still in der Böckhstr., Foto: Ralph Schmid

 

P. S.  Honka ist ein beliebter finnischer Name, wörtlich übersetzt bedeutet er im Deutschen Föhre oder Kiefer. Wie der berühmt-berüchtigte Frauenmörder Fritz Honka zu einem finnischen Namen kam, wäre noch zu klären

Nach dem Traum vom Eigenheim die grüne Rebellion

Monochromes Aussehen in Zeitungen, Fotos und Fernsehen scheint heute sehr weit weg zu sein, aber zum Beispiel Schwarz /Weiß-Fernsehen zu schauen, als ich noch ein recht kleiner Junge war, bedeutete für mich in den frühen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts eine erstaunliche und wirklich innovative Erfahrung.


Mein Bruder, ein Freund aus der Nachbarschaft und ich (links nach rechts), 1962

Damals war das Leben so vollkommen anders, und infolge des Zweiten Weltkriegs und der vielen Flüchtlinge war der Wohnungsbedarf unglaublich groß. So lebte ich bis 1963 zusammen mit meiner Großmutter, drei Tanten, einem Onkel, zwei Cousins, meinem Bruder und meinen Eltern in einem sehr kleinen Familienhaus, wo heute normalerweise nicht mehr als fünf oder sechs Personen wohnen würden.

Meine Mutter, ich, mein Bruder und mein Vater (links nach rechts), Sommer 1958

Ich weiß nicht, wie meine Mutter das alles geschafft hat, da wir tatsächlich nur ein kleine Stube unter dem Dach hatten, was auch gleichzeitig die Küche und Wohnraum war. Einen Stockwerk tiefer war unser Schlafzimmer, dies waren sehr beengte Platzverhältnisse, aber ohne etwas anderes zu kennen, war ich damit zufrieden. Im Hinterhof des Hauses hatte  mein Onkel seine Polster-Werkstatt, dort gab es auch einige Hühner und einen kleinen Garten mit Gemüse und einigen Obstbäumen. Es war also ein ziemlich geschäftiger und nie langweiliger Ort.

Groß angelegte Kampagne der Gewerkschaften in der 1950er Jahren
48 Stunden-Woche an sechs Tagen sehr normal bis in die 1960er Jahre

Auf Grund sehr ambitionierter sozialer Wohnprojekte überall erhielten wir glücklicherweise 1963 eine größere und moderne Wohnung mit einer fairen Miete. Einige Jahre später bauten meine Eltern 1968 dann auch ihr eigenes Haus, und dieser vorherrschende allgemeine Materialismus brachte mich dazu, 1976 mein Elternhaus zu verlassen und stattdessen mit 7 Personen in einer Wohngemeinschaft zu leben, was zu dieser Zeit noch ehr ungewöhnlich war.

Ebenfalls in den späten 1970er Jahren kam es zu massiven Protesten gegen die Kernenergie. Diese Basisbewegung brachte ökologische Befürchtungen in die öffentliche Diskussion, und leider wurden die schlimmsten Erwartungen bezogen auf diese gefährliche Nuklear-Technologie später nur zu wahr insbesondere in Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011).


Anti-Atom-Demonstration gegen den “Super-Phönix” von Malville, Frankreich,
ein Demonstrant wurde im Sommer 1977 dabei durch extreme Polizeibrutalität getötet,
zum Glück bin ich auch ohne Defensivausrüstung dort unversehrt davongekommen